21.07.2021Projekte

Vom Main zu neuen Ufern: Smart Green City Haßfurt

Graphik: Smart Green City Haßfurt

Für diesen Beitrag blicken wir etwas über die Grenzen Oberfrankens hinaus nach Haßfurt. Die unterfränkische Stadt wurde gemeinsam mit Wunsiedel 2019 als Smart City Modellprojekt ausgewählt und hat seitdem bereits einige Projekte in die Wege leiten können. Wir haben uns virtuell mit Dr. Madlen Müller-Wuttke, Chief Digital Officer des Programms, getroffen und über den aktuellen Stand gesprochen.

Grüne Digitalisierung – Motor der Zukunft?

Smart City steht laut Bundesinnenministerium für eine „nachhaltige und integrierte Stadtentwicklung“. Nicht umsonst trägt der Haßfurter Ableger „Green“ im Namen, denn mit dem lokalen Stadtwerk hat das Team einen Partner, der für seinen Innovationsmut in Sachen Wasserstoff und nachhaltiger Energiegewinnung landesweit bekannt ist. In unserem Gespräch mit Frau Müller-Wuttke kommt schnell heraus, dass den Menschen in Haßfurt Nachhaltigkeit besonders am Herzen liegt: „Energie und Umwelt sind herausragende Themen. Deswegen haben wir uns bei der Arbeit an der Strategie auf drei Kernelemente spezialisiert.“ Gemeint sind eine urbane Datenplattform, Partizipation und grüne Energie. Mit dieser Ausrichtung möchte Smart Green City Haßfurt zusammen mit den Bürger*innen digitale Lösungen finden, um die städtischen Ressourcen intelligent zu vernetzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt von Smart Cities ist die Skalierbarkeit der einzelnen Projekte. Durch die Verwendung von Open Source und modellhaften Ansätzen, die sich auch auf andere Kommunen und Städte übertragen lassen, sollen Lösungen für ganz Deutschland geschaffen werden. „Wir erzeugen schon 200% unseres Bedarfs an grüner Energie und daher nutzen wir das natürlich auch und können es an andere weitergeben, z.B. wie man Wasserstoff nutzen und aufbereiten kann. Mit den Themen tauschen wir uns auch mit anderen Städten aus, die zum ersten Mal in Smart City involviert sind“, so Müller-Wuttke.

Digitales Frühwarnsystem bei Hochwasser

In den anderthalb Jahren seit Beginn der Strategiephase sind aber auch schon einige ganz konkrete Projekte entstanden. Eines davon beschäftigt sich mit den Risiken, die die direkte Lage der Stadt am Fluss mit sich bringt. Nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland gehen Forschende davon aus, dass Extremwetterlagen in Zukunft häufiger werden. Das Smart City Team arbeitet derzeit an einer Methode, um die Bürger*innen in solchen Fällen so früh wie möglich zu warnen.

Dafür arbeiten sie mit der Kläranlage zusammen und sammeln derzeit Daten zu Regenfällen und Wasserständen. „Momentan ist es wirklich so, dass die Kolleginnen und Kollegen rausfahren müssen, wenn ein Hochwasser droht oder schon eingetreten ist, damit dann eine Warnung rausgeht. Das kann man natürlich über Warnmeldungen auch digital gestalten.“ Im ansässigen Rechenzentrum sollen diese Daten zusammengetragen und aufbereitet werden, sodass die Anwohner*innen sie in Zukunft im Rahmen eines größeren „Digitalen Zwillings“ selbst abrufen und damit eine frühere und genauere Vorhersagen erhalten können.

Unter einem digitalen Zwilling versteht man ein virtuelles Modell eines Produkts oder Prozesses, das auf realen Daten basiert. Durch die digitale Aufbereitung dieser Daten lassen sich komplexe Simulationen durchführen, die dabei helfen können, aktuelle Probleme zu verstehen und künftige vorhersagen zu können. Im Kontext von Smart City kann dies in Form eines digitalen Nachbaus einer Stadt oder Gemeinde umgesetzt werden, in dem sich beispielsweise Verkehrsströme simulieren lassen. (Illustration: Flaticon.com)

Analoge Kommunikation von digitalen Themen

Die wichtigste Währung der Digitalisierung sind Daten. Mit der Sammlung und Bild: Smart Green City HaßfurtBild: Smart Green City HaßfurtAufbereitung dieser Informationen beschäftigen sich Müller-Wuttke und ihr Team jeden Tag. Zentral dabei ist ihnen, dass auch ohne Zugang zu digitalen Kanälen und Geräten eine Teilhabe an diesen Prozessen möglich sein soll. Zu diesem Zweck richteten sie ein Stadtlabor ein. „Das Stadtlabor ist eine Anlaufstelle direkt neben dem Rathaus, wo man vorbeikommen kann. Es ist dafür gedacht, Nähe zu ermöglichen. Man kann natürlich viel digital machen, es soll aber ergänzend wirken und diejenigen, die persönlichen Kontakt wünschen oder Nachfragen haben, kommen vorbei.“

Das Stadtlabor soll als „Experimentierort“ dienen, der auch den Austausch über innovative Ideen befördern soll. Dort können im sogenannten Maker Space in Zukunft auch Workshops und Abendveranstaltungen stattfinden, um niedrigschwellige Lernangebote anzubieten. Ein Vorhaben, das derzeit vor Ort ausgestellt wird, ist eine Replik der Haßfurter Ritterkapelle. Sie basiert auf einem 3D-Modell, das mittels Photogrammetrie aus 30.000 Fotos und etwa 4 Stunden Videomaterial entsteht. Mit Projekten wie diesem möchte Smart Green City Haßfurt die Digitalisierung ins Alltagleben holen und die vielen Schnittstellen zwischen digitalen Daten und real existierenden Dingen verdeutlichen.

Digitalisierung bringt Licht ins Dunkel – aber wie viel?

Ein weiterer Bereich, in dem dieser Ansatz zu tragen kommen könnte, ist die Straßenbeleuchtung. Nicht nur wird vielerorts in Deutschland auf veraltete Technik und stromfressende Leuchtmittel gesetzt – die oftmals zu hellen Laternen stören auch den Biorhythmus von Tieren wie Vögeln und Fledermäusen und führen zu massivem Insektensterben. Eine digitale Lösung könnte dabei helfen, diese Probleme zu minimieren. Auf der Beteiligungsplattform „Haßfurt beteiligt“ wird das Thema schon viel diskutiert. Wie genau eine digital gesteuerte Straßenbeleuchtung aussehen kann, soll bald getestet werden. „Wir stellen erst einmal generell auf LED um und verbinden das dann automatisch auch mit einer smarten Steuerung", so Müller-Wuttke.

Logo: Smart Green City HaßfurtLogo: Smart Green City HaßfurtDafür soll am Marktplatz ein erstes Testfeld errichtet werden. Der Ort ist durch Wochenmarkt, Gastronomieangebote und Kulturveranstaltungen immer gut besucht. Daher bietet er sich an, um Feedback von möglichst vielen Menschen einzuholen. „Wir wollen das zusammen mit den Bürger*innen machen. Wir gucken, was mit der smarten Steuerung generell möglich ist, aber auch was gewollt ist. Heißt: Wir bieten etwas an, und darüber kann dann auch wieder abgestimmt werden.“

Ob die Lichtanlagen letztlich über Sensoren automatisch gesteuert werden oder wie etwa auf einer Teststrecke in Kaiserslautern Knöpfe installiert werden, an denen Fußgänger*innen bei Bedarf selbst die Beleuchtung aufhellen können, bleibt daher noch abzusehen. Klar ist für Müller-Wuttke aber: „Man wird den Unterschied für unser Auge nicht großartig wahrnehmen, aber gerade für Insekten kann man das Licht etwas dimmen. Das heißt aber nicht, dass es dann dunkel wird, sondern dass das Licht angepasst reagieren kann.“ Auch aus diesem Grund ist ein aktiver Feedback-Prozess mit der Bevölkerung von zentraler Bedeutung für das Gelingen von Smart City.

„Eine Smart City ist natürlich auch global zu sehen auch über die ganze Stadt hinweg.“

In genau dieser Phase des Austestens und Sammelns von Rückmeldung befindet sich das Team in Haßfurt gerade. Wir wollten trotzdem wissen, was sich Frau Müller-Wuttke für die Zukunft erhofft, und was Haßfurt anderen Kommunen am Ende des Förderzeitraumes 2028 womöglich mitgeben kann: „Ich hoffe natürlich, unheimlich viele Leute generell für die Thematik Smart Cities aber auch für die Digitalisierung zu begeistern. Außerdem hoffe ich, zu zeigen, dass es eine Chance ist und wir hier vielfältige Möglichkeiten haben. Es geht darum, für Haßfurt Möglichkeiten zu schaffen, dass man hier nachhaltig - sowohl sozial-ökologisch als auch ökonomisch - ein gutes Starter-Paket für die Zukunft hat. Es gibt viele Dinge, die natürlich auch mit reinspielen, aber dass man Möglichkeiten schafft wie eine Art Baukastenprinzip, dass man sich dann entsprechend das raussucht, was eben auch für andere Kommunen den Mehrwert bietet. Das wäre mein Traum. Digitalisierung ist kein Selbstzweck und funktioniert auch nicht alleine, sondern man muss wirklich zusammenarbeiten.“

Wer sich über die bisherigen Ansätze von Smart Green City Haßfurt informieren möchte, kann dies auf der Projektwebsite tun. Außerdem gibt es im Rahmen der ersten Stufe der Bürger*innenbeteiligung bis zum 31. Juli die Möglichkeit, eigene Ideen auf Haßfurt beteiligt einzubringen und mit anderen zu diskutieren. (Illustration: Flaticon.com)

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