06.10.2021Wissenschaft

Digitaler Stress Teil #2 - Internationales Forschungsprojekt STRESS-LESS

Foto: Tim Van Der Kuip

Nun soll es um das Projekt STRESS-LESS gehen, welches sich ebenfalls mit digitalem Stress befasst, jedoch im Vergleich zu seinem Vorgängerprojekt PräDiTec andere Fragestellungen in den Blick nimmt: Wie steht es um das Wissen über digitalen Stress im europäischen Vergleich? Wird digitaler Stress von Nation zu Nation unterschiedlich wahrgenommen? Und wie sieht es mit digitalem Stress im Homeoffice aus? Auch hier konnte uns Herr Dr. Nicholas Derra Einblicke in seine aktuelle Forschung geben.

In unserem ersten Artikel zum Thema digitaler Stress haben wir bereits mit Herrn Dr. Derra vom Betriebswirtschaftlichen Forschungszentrum für Fragen der mittelständischen Wirtschaft e.V. (BF/M) gesprochen und ihn zum Projekt PräDiTec interviewt. Ziel von PräDiTec war es, das veränderte Beanspruchungsprofil von Arbeitnehmer*innen durch das Voranschreiten der Digitalisierung zu analysieren sowie darauf aufbauend spezifische Präventionsmaßnahmen und Richtlinien zu erarbeiten, erproben und weiterzuentwickeln. Im März dieses Jahres ist das Projekt erfolgreich beendet worden. Wie es nun mit dem Projekt STRESS-LESS weitergeht, erfahrt Ihr jetzt.

start.land.flow: Lieber Herr Derra, mit STRESS-LESS haben Sie nun ein weiteres Projekt, das sich mit digitalem Stress beschäftigt. Wie unterscheidet es sich zum Projekt PräDiTec?

Dr. Nicholas Derra: Es unterscheidet sich zum einen im Hinblick auf den Scope: Während PräDiTec ausschließlich im Bereich digitaler Stress angedacht war und „nur“ im Rahmen der COVID-Pandemie eine separate Studie gemacht hat, in der man sich mit Homeoffice beschäftigt hat, ist STRESS-LESS von Anfang an bilateral aufgestellt, d.h. sowohl digitaler Stress als auch Stress im Homeoffice spielen eine Rolle. Die Umfrage, die wir kürzlich durchgeführt haben, adressiert Belastungsfaktoren beider Konstrukte. Was dann im Laufe des Projektes sicherlich noch eine Herausforderung wird ist, diese beiden Themen zu verheiraten, weil wir sehr schnell, gerade im Bereich von verschwimmenden Grenzen, Überschneidungen bei den beiden Themen haben. Man kann im Homeoffice z.B.  fehlende Abgrenzungen von privat zu beruflich haben, weil man einfach daheim arbeitet. Man kann das gleiche aber auch auf dem privaten Smartphone mit einer zweiten Sim-Karte o.ä. durch digitale Technologien haben, da verschwimmen die beiden Themen schon.

Ansonsten ist natürlich auch die internationale Ausrichtung zu nennen. STRESS-LESS ist ein durch die europäische Kommission gefördertes Projekt, findet in mehreren Ländern statt. Die Studie lief allein in vier Ländern: Bulgarien, Spanien, Österreich und Deutschland. Auch Großbritannien kommt im Rahmen einer Webentwicklung als fünfter Partner hinzu. D.h. wir sprechen hier von internationalen Vergleichen, von regionalen Unterschieden je nach Nation. Wir haben in der Umfrage beispielsweise festgestellt, dass sich deutsche Arbeitnehmende im Vergleich mehr mit digitalem Stress beschäftigen, ihr Wissen zu dem Thema höher einschätzen und sich zwar durch ihn belastet sehen, gleichzeitig jedoch weniger durch Homeoffice. Das ist bei anderen Nationen gleichverteilter.

Foto: Nejc SoklicFoto: Nejc SoklicAnsonsten ist der Unterschied gar nicht so groß, weil es wieder darum geht, auf Basis einer Studie, die in STRESS-LESS allerdings aufgrund des Projektvolumens deutlich kleiner ist im Vergleich zu PräDiTec, Präventionsmaßnahmen zu erarbeiten. Wir fassen Wissen und Erkenntnisse zusammen und nutzen diese, um Präventionsmaßnahmen zu entwickeln, zu pilotieren und zu evaluieren. Da sind die beiden Projekte schon sehr ähnlich. Das wird bei STRESS-LESS zum einen mit einer Blended-Learning-Solution laufen (Anm. d. Redaktion: Mit Blended-Learning-Solution ist hier die Kombination aus digitalem Lernangebot mit Präsenzeinheiten für Arbeitnehmende gemeint, über das sie Wissen zum Thema digitaler Stress sammeln und sich die ein oder andere Präventionsmaßnahme aneignen können), zum anderen mit einem Train-the-Trainer-Konzept. Letzteres ist, im Vergleich z.B. zu Multiplikator*innen, noch proaktiver, sodass unternehmensintern ein oder zwei Fachkräfte zur Verfügung stehen, die sich um die Weiterbildung zu digitalem Stress im Unternehmen aktiv kümmern statt als Anlaufstelle zu fungieren.

start.land.flow: Welche Vorteile bringt hier die internationale Zusammenarbeit mit sich?

Derra: Wenn ich das Thema nicht international beleuchte, dann komme ich auch nicht auf Unterschiede zwischen den Nationen. Es kann im Bereich rechtlicher Rahmenbedingungen, der Arbeitskultur oder des Arbeitsalltages durchaus schon deutliche Unterschiede geben, von Portugal bis Spanien auf der iberischen Halbinsel, Bulgarien und Rumänien in Osteuropa und, die sind zwar nicht im Projekt dabei, aber Schweden und Dänemark in Skandinavien. Da finden wir schon rechtlich oder gesellschaftlich massive Unterschiede. Deswegen verwundert es auch nicht, dass dies auch für digitalen Stress gilt. Ich kann also die reinen Studienergebnisse, bspw. wie hoch der Stress in kleinen und mittleren Unternehmen ist, nicht einfach von PräDiTec auf andere Nationen übertragen. Was ich machen kann ist: „Wir haben 12 Belastungsfaktoren gefunden, die gibt es, das ist in Stein gemeißelt, das kann ich veröffentlichen“. Aber ich tue mich schwer, einzelne Ergebnisse zum Thema digitaler Stress in Deutschland international oder global zu übertragen, das wird nur bedingt funktionieren. Abgesehen davon wird es von unserem Institut (BF/M-Bayreuth) auch immer als erstrebenswert angesehen, internationales Know-how zu sammeln und sich nicht ausschließlich auf Regionalität zu beschränken. Und da bieten EU-Projekte eine sehr gute Basis.

start.land.flow: Das heißt, am Ende des Projektes wird jedes Land für sich selbst auf Basis ihrer Ergebnisse individuelle Präventionsmaßnahmen entwickeln?

Derra: Es wird mit Sicherheit im Rahmen der Präventionsmaßnahmen, auch wenn das alles noch entstehen muss das Projekt läuft ja noch ein ganzes Jahr Spezifitäten bei der Schwerpunktsetzung geben, je nach Land. Es könnte beispielsweise ein Standard-Curriculum geben, das dann an den einigen Stellen länderspezifisch ein bisschen abweichen kann, das ist durchaus denkbar.

start.land.flow: Gibt es auch Stressoren, die sich aktuell aufgrund von Corona nicht ändern lassen?Arbeiten mit Maske. Foto: MaximeArbeiten mit Maske. Foto: Maxime

Derra: Wie eingangs schon gesagt, gibt es schon Veränderungen der Struktur von digitalem Stress durch die COVID-Pandemie. Dass Dinge in Stein gemeißelt sind, das wage ich jetzt einfach einmal zu bezweifeln, weil für jeden Stressor/Belastungsfaktor eine Quelle existiert, egal wo die liegt. Die kann beim Individuum, bei der Organisation oder bei der Bereitstellung von digitalen Technologien liegen. Sie kann auch beim Entwickler oder Hersteller digitaler Technologien liegen. D.h., dass ich etwas partout nicht verändern kann, das gibt es nicht. Was sein kann ist, dass ich gerade durch die Unwägbarkeiten „wann ist es vorbei mit dem Homeoffice?“ oder „wann spielt COVID keine überragende Rolle mehr?“, manchmal in die Situation komme, dass ich ein oder mehrere erhöhte Stressoren mit einer bestimmten digitalen Technologie in Verbindung bringen kann, gerade was das Thema „Nichtverfügbarkeit“ oder „Unzuverlässigkeit“ (Anm. d. Redaktion: von digitalen Technologien) angeht. Wenn ich jetzt aber keine Alternative habe, obwohl ich mich damit beschäftige und gucke, ob ich Alternativen habe, die ich mit einem effizienten Change-Management auch einführen kann, ist es theoretisch schon möglich, dass ich für eine gewisse Zeit als Unternehmen an diese Technologie gebunden bin. Und zwar obwohl ich weiß, dass sie bei meinen Mitarbeitenden eine Belastung hervorruft, die in digitalen Stress mündet. Dann wäre allerdings meine Empfehlung, so etwas klar zu kommunizieren und Handlungsempfehlungen zu geben, wie ich dem Prozess gleich auf Verhaltensebene entgegenwirken kann.

start.land.flow: Was erhoffen Sie sich durch das Projekt STRESS-LESS?

Derra: Ich erhoffe mir, nachdem wir unsere Ergebnisse als gefördertes Projekt auch öffentlich machen, dass es uns wirklich gelingt, Awareness und Knowledge (Anm. d. Redaktion: über digitalen Stress) deutlich zu steigern, und das auch länderübergreifend. Wir arbeiten jetzt nicht nur für deutsche Arbeitnehmende im STRESS-LESS-Projekt, es soll am Schluss in allen beteiligten Nationen und falls möglich auch darüber hinaus zu einer gestiegenen Awareness beim Thema digitaler Stress kommen. Und wenn dann, das ist im Nachgang natürlich schwierig großflächig nachzuverfolgen, Arbeitnehmende in der Lage sind, empfohlene Handlungsweisen und Optimierungen im Arbeitsalltag zu adaptieren oder auch Führungskräfte sagen: „Ich muss mich mit dem Thema beschäftigen, ich habe dafür auch ein Budget eingeräumt, um mich darum zu kümmern und sehe auch den langfristigen Nutzen im Hinblick auf höherer Jobzufriedenheit, einer erhöhten Loyalität gegenüber dem Arbeitgebenden und v.a. zu einer höheren Produktivität“; wenn Führungskräfte das verstanden haben und in dieses Thema investieren, dann haben wir sehr viel geschafft.

start.land.flow: Vielen Dank für das Interview!

Hier geht es zur Projektseite und zur LinkedIn-Seite von STRESS-LESS.

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