10.02.2021Start-Ups

movaco: Pandemie und Pendeln?

Foto: Katrin Zenk

Das Szenario: Es ist das Jahr der Pandemie, Corona stellt alles auf den Kopf und ein oberfränkisches Startup will Mobilität in Deutschland komplett auf den Kopf stellen. Das Problem: „Wir haben eine App für Fahrgemeinschaften. Das ist in der Pandemie einfach ein Scheißprodukt“, stellt Valentin Eiber, einer der drei Geschäftsführer von movaco, trocken fest.

Ein bisschen Kontext vorab: Movaco wurde von Valentin Eiber, Tim Hellwig, Franz Liebermann (der mittlerweile nicht mehr dabei ist) und Florian Muth gegründet. Ihr Ziel ist kein geringeres, als Mobilität in Deutschland neu zu denken. Und zwar hauptsächlich auf dem Arbeitsweg. Dafür entwickelten sie eine Software, die passende Fahrgemeinschaften zusammenbringt. Ein entscheidender Unterschied zu anderen Angeboten auf dem Markt ist dabei, dass movaco den ‚Raum‘ des Zusammenstellens von Pendelgemeinschaften begrenzt. Man kann sich das so vorstellen:  Unternehmen, Schulen, Gemeinden oder andere Einrichtungen können die Dienste von movaco buchen und innerhalb der jeweiligen Institution werden dann passende Fahrgemeinschaften gebildet.

Mehr Klimaschutz, mehr Netzwerken, mehr Miteinander in den Firmen durch die App

Die Idee des Startups setzt an dem Punkt an, dass die meisten Berufspendler in Deutschland ihren eigenen PKW nutzen, um zur Arbeit zu kommen. Technische Lösungen für Fahrgemeinschaften richten sich bisher nicht speziell an diese Zielgruppe. Auch wenn es bereits Fahrgemeinschaften innerhalb von UnternehmenGrafik: movacoGrafik: movaco gibt, erfolgt deren Organisation eher über WhatsApp-Gruppen. Und die können lästig werden. Vor allem, wenn sich die Arbeitswelt durch die Pandemie weiter verändert und es nicht mehr so selbstverständlich sein wird, täglich um dieselbe Uhrzeit ins Büro zu fahren. Dementsprechend sieht movaco auch hier den zukünftig wichtigen Mehrwert ihrer App: „Mitarbeiter*innen gewöhnen sich gerade im Endeffekt daran, im Home-Office zu arbeiten. Arbeitgeber*innen haben viel mehr Überzeugungsarbeit zu leisten, die Personen wieder ins Büro zu bekommen“, erklärt Eiber und sein Mitgründer Tim Hellwig ergänzt: „Deshalb müssen sich Arbeitgeber*innen auch Gedanken machen, wie sie den Arbeitsweg verbessern und incentivieren können.“

Weg von den chaotischen WhatsApp-Organisationsgruppen

Während der letzten Monate wurde vielen bewusst, was die Vorteile des Arbeitens im Büro sind und wo es das Home-Office schlagen kann: Eine große Rolle spielen dabei das Miteinander, der soziale Austausch sowie das Schaffen und Leben einer Firmenkultur. Movaco will auch das Pendeln vor diesem Hintergrund gestalten: Die App soll einen Anreiz zum Netzwerken auf dem Arbeitsweg schaffen – auch mit Kolleg*innen, mit denen man nicht aus Eigenantrieb eine Fahrgemeinschaft gebildet hätte, weil man sie zu wenig kennt. Es geht um Communitybuilding und das Kreieren eines Planungs- und Organisationstools mit der Ansage „wir wollen WhatsApp-Gruppen aus 20 Personen ablösen, in denen jeder kreuz und quer reinschreibt und am Ende verliert man die Übersicht.“

Das Problem: Gerade steht Pendeln eher auf der not-to-do-Liste

Mit der Idee ist movaco auf sehr viel Anklang gestoßen. 2019 erhielten sie das staatliche EXIST-Gründerstipendium, das ihnen über ein Jahr hinweg insgesamt über 100 000 Euro zusicherte. Im Januar 2020 wurde eine GmbH aus movaco. Im September ist dann die App online gegangen. Viel Programm, viel Pandemie, viel Social Distancing für ein Jahr.

Dass gemeinsam Pendeln 2020 und 2021 eher auf der not-to-do-Liste steht, durchkreuzte angesichts der Vorhaben viele Pläne. Die eigentliche Zielgruppe ist plötzlich nicht mehr mobil. Umplanen stand an, die App wird an Schulen getestet, die „haben uns den Arsch gerettet“, meinen sie.  Aber auch das ist mit den erneuten Schulschließungen leider erstmal wieder hinfällig geworden.

Das ist schade und ärgerlich, denn Feedback ist den dreien sehr wichtig.  „Es geht nicht darum, dass wir unsere Ideen im Produkt entwickeln. Sondern darum, was die Nutzer*innen wollen.“ Das wirklich zu verstehen und von den eigenen schicken Vorstellungen abzuweichen, sei ein langer Prozess gewesen. Deshalb gilt mittlerweile bei movaco an oberster Stelle „Ask the user, ask the user, ...“.

Braucht jede technische Lösung KI?

Betreibt man „ask movaco“ und fragt die drei Gründer nach ihrem größten Learning der letzten Zeit, sind sie sich ziemlich einig: das eigene Ego hintenanzustellen. Gerade wenn man sich in der Startup-Bubble bewegt, sei man oft dazu verleitet, technologiegetriebenen Lösungen nachzueifern: KI, Blockchain und so weiter. Als Muth im Juli 2019 neu ins Team kam, öffnete er den anderen die Augen, indem er das ablehnte. Die Reaktion erstmal „Was denn mit dem los, natürlich brauchen wir eine KI!“ Aber mit Abstand betrachtet hatte er Recht, es geht auch erstmal ohne, meinen sie jetzt grinsend.

Was beim Gespräch auffällt: Es geht kaum um die Gründer selbst, ihre individuellen Motive stehen wenig im Vordergrund, man landet im Gespräch sofort auf der gesellschaftlichen Problemebene: Mobilität, Werte, Unternehmenskultur, Klimakrise. Alle drei machen sich weit über ihr eigenes unternehmerisches Ziel Gedanken und haben ein Potpourri an Ideen für eine moderne Gesellschaft. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste und deshalb ist ihre Frage nach vierzig Minuten Gespräch „Reden wir eigentlich gerade am Thema vorbei?“ treffend und Quatsch zugleich.

  • Teilen:
Kommentieren
Kommentare
×

Kommentar:

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Sei der erste der kommentiert