23.11.2021Start-Ups

Kleiner Sensor, große Freiheit: Ein Bayreuther Start-up im Kampf gegen Blasendysfunktion

Misst den Füllstand der Harnblase: der Sensor. Foto: InContAlert.

Toilettengang ist für die meisten von uns kein alltägliches Problem – für die mehr als 10 Millionen Menschen, die in Deutschland an verschiedenen Formen von Blasendysfunktion leiden, allerdings schon. Bisherige Lösungen: Katheter, Einlagen – und die Idee des fünfköpfigen Bayreuther Start-ups InContAlert: Deren Kombination aus Sensor und App misst den Füllstand der Blase in Echtzeit und wurde im September mit 712.000 Euro staatlicher Förderung ausgezeichnet – das gab es an der Uni Bayreuth noch nie. CEO und Mitgründer Dr. Jannik Lockl ist 29 Jahre alt, promovierter Wirtschaftsinformatiker und hat mit uns über die Anfänge und die Zukunft des ursprünglichen studentischen Projekts gesprochen.

start.land.flow: Was waren die Ursprünge eurer Idee?

Jannik Lockl: Ich habe meinen Bachelor und Master in Wirtschaftsingenieurswesen an der Uni Bayreuth gemacht. Schon im zweiten oder dritten Bachelorsemester fand ich den Gedanken spannend, meine eigenen Projekte hochzuziehen. Damals habe ich beim 5-Euro-Business Wettbewerb der Uni mitgemacht und dabei den USC Bayreuth gegründet, den Sportverein der Uni Bayreuth. Das war meine erste Gründungserfahrung und ich habe gemerkt, dass mir das Spaß macht. Im Januar 2017 hat die Uni Bayreuth am internationalen Businessplan-Wettbewerb in Hong Kong teilgenommen, der in dem Jahr unter dem Motto „Health vor Seniors“ stand. Mit zwei Studierenden aus den USA habe ich dort das Konzept für InContAlert entwickelt und wir haben den Wettbewerb gewonnen.

start.land.flow: Konntet ihr nach dem Gewinn direkt in die Entwicklung starten?

Jannik: Nach Hong Kong hatten wir erstmal keine Förderung in Aussicht – und zunächst auch keinen Erfolg bei der Suche. An diesem Punkt sind meine zwei Mitentwickler ausgestiegen. Für mich war trotzdem klar, dass ich weitermachen will – ergeben hat sich das dann mit meinem ehemaligen Tutor Tristan Zürl, der mit seiner Masterarbeit den Machbarkeitsnachweis für das Konzept erbracht hat und mittlerweile in Elektrotechnik promoviert ist. Als wir 2019 die Medical Valley Awards in Erlangen gewonnen haben, hatten wir zum ersten Mal eine Förderung, die uns das Weitermachen erleichtert hat. Direkt im Anschluss haben wir dann den deutschen und europäischen Patentantrag eingereicht.

start.land.flow: Wie sieht die Technik hinter der Idee konkret aus?

Jannik: Der erste Bestandteil ist ein Sensor, den Patient*innen einige Zentimeter über dem Schambein durch ein Bauchband oder Pflaster an der Haut oder Unterwäsche befestigen. Er misst er kontinuierlich den Füllstand der Harnblase und sendet diese Information dann an den zweiten Teil unseres Produkts, nämlich die zugehörige App auf einem Smart Device. Der Sensor strahlt mit sechs LEDs in verschiedenen Wellenlängen des Nahinfrarotbereichs in Richtung der Blase in den Bauchraum. Die Reflektionen dieser LEDs werden von einer Fotozelle einzeln detektiert und dann mithilfe von low-energy Bluetooth an das Empfangsgerät übermittelt. Durch energie- und platzsparende Komponenten kann unser Sensor über den gesamten Tag hinweg problemlos getragen werden.

„Das Problem an sich kriegen wir nicht weg“

start.land.flow: Für welche Gruppen ist euer Produkt relevant?

Jannik: Je intensiver wir mit Expert*innen aus der Medizin zusammengearbeitet haben, desto mehr haben wir gemerkt, wie divers die Krankheitsbilder sind, für die unsere Lösung eine Verbesserung darstellt. Da gibt es zum einen den Unterschied zwischen sensorischer und motorischer Dysfunktion: Manche Patient*innen merken nicht, dass ihre Blase entleert werden muss, andere merken es sehr wohl, können es aber nicht selbst steuern – oder aber eine Kombination aus beiden Problemen. Von all diesen Krankheitsbildern können nicht nur ältere Personen betroffen sein, sondern auch Menschen mit Behinderung, chronisch Erkrankte oder die, die einen schweren Unfall überlebt haben. In Gesprächen haben wir erfahren, dass das Thema Toilettengang eines der wichtigsten Probleme im Leben der Betroffenen darstellt – weil es mehrmals am Tag wichtig wird und, wenn nicht kontrollierbar, immer auch mit einem gefühlten Würdeverlust der Patient*innen verbunden ist. Wir wollen eben schon vor diesem Moment ansetzen und den Betroffenen die Kontrolle zurückgeben, so gut es eben geht. Gleichzeitig wollen wir dabei auch das Gesundheitssystem entlasten. Einfach gesagt: Die Reinigung eine*r Patient*in ist für das Personal zeitaufwändiger als eine sogenannte präventive Entleerung, die Patient*innen selbst überblicken können.

start.land.flow: Wie wichtig war die Unterstützung von Expert*innen und die Uni für die Entwicklung?

Jannik: Wahnsinnig wichtig. Allein beim Wettbewerb in Hong Kong wurden wir von der Ideenfindung hin bis zum Financial Forecast intensiv von Expert*innen geschult und begleitet. Vieles wäre auch ohne die Uni nicht möglich gewesen: Der Vizepräsident hat den Chefarzt des Bayreuther Klinikums auf unsere Idee aufmerksam gemacht, wodurch wir dann wertvollen Input der Ärzt*innen dort bekommen haben. Außerdem sind wir nach wie vor stark im universitären Kosmos eingebunden – die Uni Bayreuth stellt uns Labor und Arbeitsplätze.

start.land.flow: Inwiefern konntet ihr euren Prototypen bereits testen?

Jannik: Die allerersten Versuchspersonen waren tatsächlich wir selbst. Zwar ist niemand von uns Betroffener – das ist aber erst einmal egal, wenn wir prüfen, ob die Messung des Blasenfüllstands funktioniert. Wir testen derzeit durchgängig an fünf bis 15 Personen aus unserem engeren Umfeld mit ganz unterschiedlicher körperlicher Konstitution, darunter auch Betroffene einer Blasenfunktionsstörung. Gerade in dieser frühen Entwicklungsphase kann es sehr heikel sein, an fremden Proband*innen zu testen, sollte doch etwas schief gehen – schließlich arbeiten wir mit Elektronik am menschlichen Körper.

712.000 Euro dank EXIST-Förderprogramm

start.land.flow: Im September diesen Jahres konntet ihr euch beim renommierten „EXIST“-Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriumseine Förderung von 712.000 Euro sichern. Was bedeutet das für die Zukunft des Projekts?

Jannik: Das gibt uns zum einen die Sicherheit, dass unsere laufenden Kosten und die Produktentwicklung für die zwei Jahre gesichert sind, die wir voraussichtlich noch bis zum Launch brauchen. Zum anderen erlaubt uns die Förderung, unser Team in den nächsten Wochen stark auszubauen. Derzeit sind wir noch zu viert:Unsere beiden weiteren Co-Founder Nicolas Ruhland und Pascal Fechner haben gerade ihren Master of Science in Ingenieurwesen abgeschlossen. Daneben unterstützen uns einige Teilzeitkräfte, wie den Medizintechniker Maximilian Wöhrl oder den Betriebswirt Till Zwede. In den nächsten Wochen werden wir so voraussichtlich auf ein im Durchschnitt achtköpfiges Team anwachsen, das darüber hinaus um noch einmal etwa vier bis acht Abschlussarbeitsschreibende ergänzt wird.

start.land.flow: 2023 soll das Produkt dann auf den Markt kommen.

Jannik: Das ist der Plan. Im medizintechnischen Bereich gehört viel Verantwortung dazu, deshalb dauert die Entwicklungsphase einfach länger als in anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Tech-Branche. Diese Zeitspanne von der Idee bis zum Prototypen ist da durchaus üblich. Dass Nachfrage besteht, merken wir aber schon jetzt: Ich werde häufig gefragt, wo man unser Produkt erwerben kann. Da muss ich derzeit noch um ein wenig Geduld bitten.

start.land.flow: Vielen Dank für das Interview!

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