29.03.2022Leben & Arbeiten

Digtal Detox im Zug - Ein Selbstexperiment zum Nichtstun

Einfach mal nichts tun – in unserer hochdigitalisierten Welt ist die Ruhe, das Besinnliche, Meditative zu einem erstrebenswerten Ideal geworden. Neue Medien sind fest in unseren Alltag integriert. Digital Detox soll von der Unruhe und Schnelle der heutigen Zeit entgiften. Googelt man den Begriff stößt man vor allem auf Tipps zur Umsetzung. Darunter auch immer: Smartphone freie Zeit. Hilft das wirklich, um zur Ruhe zu kommen? Ich habe es in einem Experiment getestet.

Aber dazu später mehr. Ganz ehrlich, wenn ich abends auf der Couch sitze und auf meinem Laptop Videos anschaue, während ich mit meinem Smartphone in Apps rumscrolle, dann werde ich manchmal kurz nachdenklich: Tut mir das gut? Verschwende ich meine Zeit?

Handyzeit ist nicht gleich verlorene Zeit

Ich komme dann immer wieder zu der Überzeugung, dass alles in Maßen in Ordnung ist. Nur, weil ich durch mein Handy scrolle, heißt das nicht, dass ich meine Zeit verschwende. Das Internet bereichert das kollektive Uns mit Informationen, die sonst nicht oder nur schwer zugänglich wären. Wir lernen mehr – Nützliches und weniger Nützliches –, werden besser unterhalten, weil wir nach für uns passenden Inhalten suchen können oder diese uns vorgeschlagen werden. Für mich gilt: wenn ich mich danach fühle durch mein Handy zu scrollen, dann kann ich das ab und zu tun, solange das Smartphone nicht die ganze Zeit präsent ist.

Bei gesundem Umgang mit dem Internet empfinde ich eine digitalisierte Welt also vor allem als Bereicherung. Was genau einem guttut und was nicht, ist ja immer eine individuelle Sache. Ich halte Medienpädagogik für wichtig, damit Kindern ein reflektierter Umgang mit Medien beigebracht wird und man dann als Erwachsene*r entscheiden kann, was sich gesund anfühlt und was eben weniger.  

Wenn ich keine Beschäftigung habe, werde ich schnell unruhig

Ich persönlich merke, dass mir Social Media nicht besonders guttut. Vor ein paar Wochen habe ich deswegen meinen privaten Instagram-Account gelöscht. Es fühlt sich für mich oft so an, als würde mir Instagram Zeit stehlen. Ganz ohne Handy und mediale Beschäftigung kann ich aber doch nicht. Ich werde unruhig, wenn ich keine Beschäftigung habe, der Griff zum Smartphone erfolgt dann schnell. Ich finde es spannend, herauszufinden, was passiert, wenn ich meinem Kopf für ein paar Stunden kein Futter gebe. Halte ich das aus? Wo lande ich gedanklich? Wie geht’s mir danach?

Deswegen also mein Experiment: Ich setze mich für 2 Stunden und 38 Minuten in den Zug von Bamberg nach Berlin und mache – nichts. Aus dem Fenster schauen ist erlaubt. Smartphone und Musik, aber auch Bücher und Gespräche mit anderen sind verboten. Einzig mein Notizblock und ein Stift dürfen bei mir sein, ich möchte notieren, was in meinem Kopf vor sich geht.

An einem Dienstagvormittag geht es los. Ich fahre ungewöhnlich früh zum Bahnhof los und warte, auf und ab laufend, am Bahnsteig auf meinen Zug: Ich bin ein bisschen nervös wegen meines Experimentes.

In der ersten Stunde meines Experimentes fällt mir alles ganz leicht

Ich finde ein Abteil, das nicht allzu voll ist und setze mich. Dann geht es los: Am Anfang fällt mir alles ganz leicht. Ich meditiere und lasse meinen Gedanken freien Lauf. In meinem Kopf bilden sich Geschichten: Ideen für start.land.flow Stories, aber auch Alltägliches. Ich schaue aus dem Fenster in die Landschaft und fühle mich wohl. Warum mache ich das nicht öfter? Das geht knapp die erste Stunde so. Als mein Zug nach einer knappen Stunde an meiner ersten Station in Erfurt hält, merke ich aber, wie ich langsam unruhig werde. Mir fallen Fragen zu Alltagsdingen ein, dessen Antworten ich normalerweise sofort googlen würde, wie zum Beispiel: Wie wird das Wetter die nächsten Tage? Was nochmal sind die aktuellen Corona-Regeln der Uni bei Klausuren? Es ist ein komisches Gefühl das nicht zu tun. Ich mag es, wenn ich über mein Smartphone schnell Antworten bekomme. Im Nachhinein habe ich aber vergessen, um was es ging. So wichtig scheint es also nicht gewesen zu sein.

Die Zeit bis zur nächsten Station Halle zieht sich immer mehr in die Länge. Ich merke, dass mehr und mehr unangenehme Gedanken in meinen Kopf kommen. In der Uni bin ich grade in einer anstrengenden Prüfungsphase, welche mit viel Stress und Druck verbunden ist. Das scheint sich jetzt auch auf meine aktuelle Stimmung auszuwirken. Der Wunsch mich abzulenken wird deswegen immer größer. Aber weil das nicht geht, spielt mein Kopf wieder und wieder durch, was ich noch alles lernen muss.

Als der Zug in Halle hält, steigen hinter mit zwei Fahrgäste ein, die laut schmatzend Fast Food essen. Ich finde es unangenehm, wenn andere Menschen in meiner Gegenwart geräuschvoll essen, normalerweise würde ich mir jetzt sofort Kopfhörer in die Ohren stecken. So muss ich es wohl oder über aushalten. Ich ärgere mich ein bisschen und muss dann über mich selbst lachen.

Irgendwann bekomme ich Hunger, werde müde und schlecht gelaunt

Nach dem nächsten Stopp in Bitterfeld dauert es nur noch eine knappe Stunde bis zu meinem Ziel Berlin Südkreuz. Ich bekomme langsam Hunger, werde müde und schlecht gelaunt. Auch privatere Gedanken kommen jetzt in meinen Kopf, Gedanken, die durch den ganzen Stress mit meinen Prüfungen sonst nicht präsent sind. Auch das ist unangenehm, aber ich lasse sie und die damit verbundenen negativen Gefühle zu – es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Ich bin unentschlossen: Ist es gut, dass ich mich bewusst damit auseinandersetzen muss oder provoziert das in meiner stressigen Prüfungssituation nur eine Überlastung? Ich warte jedenfalls irgendwann nur noch sehnsüchtig darauf, dass ich ankomme.

Der Moment, in dem ich aus dem Zug steige, ist dann auch wirklich eine Erleichterung und ich freue mich wieder Musik hören zu können. Es dauert wirklich keine zwei Sekunden, bis die Kopfhörer in meinen Ohren landen. Ich checke auch sofort in meinen Kommunikationsapps, was ich in den letzten Stunden verpasst habe: nicht viel.

In den nächsten Tagen beobachte ich weiterhin, ob und wie sich mein Experiment auswirkt. Und tatsächlich passiert etwas Unerwartetes: Der Stress für meine aufkommenden Prüfungen wird deutlich weniger. In mir hat sich ein Schalter umgelegt: Ich gehe entspannter mit dem Thema um und empfinde weniger Druck. Ob das wohl damit zusammenhängt, dass ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen habe? Habe ich mir die Zeit gegeben, dass sich alles setzen kann und bin ich deswegen jetzt ruhiger? Ist es am Ende effizient und empfehlenswert ab und zu nichts zu tun?

Ich weiß es nicht. Vor meinem Selbstexperiment war ich ein paar Tage krank und musste eine längere Lernpause machen, vielleicht hängt mein besseres Gefühl auch damit zusammen, dass ich in dieser Zeit zur Ruhe kommen konnte. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich eher, dass meine innere Ruhe daher rührt. Ein paar Tage später hat sie sich dann leider wieder in Luft aufgelöst.

Ich finde es okay, dass es mir nicht leichtfällt nichts zu tun

Alles in allem kann ich sagen: Zweieinhalb Stunden Nichtstun, das ist nichts für mich. Prinzipiell finde ich die Idee gut, sich öfter bewusst hinzusetzen und in sich hineinzuhorchen. Dinge im Kopf aufploppen zu lassen, die sonst nicht präsent werden würden. Aber vielleicht reicht dafür ein einstündiger Spaziergang ohne Musik oder eine Tasse Tee am Küchentisch ohne Ablenkung. Es mag Leute geben, die auf die durchdigitalisierte Jugend von heute schimpfen, aber ich finde es okay, dass es nicht mir nicht leichtfällt nichts zu tun. Hätte ich die Zeit im Zug nur ohne Smartphone verbracht, aber mit anderer Beschäftigung, wäre das denke ich kein großes Problem gewesen – aber das teste ich vielleicht mal wann anders und über einen längeren Zeitraum.

Hinzu kommt: Ich mag es nicht kontraintuitiv zu handeln. An dem Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, mir genug Raum gegeben zu haben um alle Gefühle – auch die unangenehmen – lange genug gefühlt zu haben, hätte ich gerne aufgehört. Mich zu etwas zu zwingen, möchte ich, soweit möglich, gerne vermeiden. Und wie lange man dafür braucht, damit wichtige Dinge verarbeitet werden können, das kann eine bestimmte Stundenanzahl einfach nicht definieren. Außerdem kann ich nicht sagen, ob man das unbedingt in einer anstrengenden Phase ausprobieren muss. Manchen tut das gut, anderen vielleicht weniger. Und für eine kleine Runde Digital Detox reicht es ja schon, zwei Stunden nicht auf sein Handy zu schauen und ein Buch zu lesen oder eine Freund*in zu treffen – hier findet bestimmt jede*r etwas Passendes, ohne sich zu überlasten.

 

Digital Detox - was ist das eigentlich?

  • Digital Detox bedeutet aus dem Englischen übersetzt in etwa „digitale Entgiftung“ oder auch „digitales Fasten“ Digital Detox bedeutet aus dem Englischen übersetzt in etwa „digitale Entgiftung“ oder auch „digitales Fasten“
  • Es geht um die Zeit, die ein Mensch bewusst auf die Nutzung elektronischer Verbindungsgeräte wie Smartphones, Tablets und Computer teilweise oder ganz verzichtet. Es geht um die Zeit, die ein Mensch bewusst auf die Nutzung elektronischer Verbindungsgeräte wie Smartphones, Tablets und Computer teilweise oder ganz verzichtet.
  • In einer Zeit ständiger Erreichbarkeit und extensiver Nutzung digitaler Medien wird immer wieder „Offline-Zeit“ empfohlen, um den „digitalen Stress“ im Alltag abzubauen. (Alles wörtlich übernommen von klicksafe: Digital Detox. https://www.klicksafe.de/themen/digital-detox/) In einer Zeit ständiger Erreichbarkeit und extensiver Nutzung digitaler Medien wird immer wieder „Offline-Zeit“ empfohlen, um den „digitalen Stress“ im Alltag abzubauen. (Alles wörtlich übernommen von klicksafe: Digital Detox. https://www.klicksafe.de/themen/digital-detox/)
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