02.09.2021Start-Ups

Bestattungs- und Trauerkultur neu gedacht – Die Gründerinnen von urnfold im Interview

Foto: urnfold

urnfold setzt sich für den Wandel hin zu einer neuen und persönlicheren Bestattungs- und Trauerkultur ein. Mit ihren Urnen aus Papier möchten die Gründerinnen nicht nur die Ansprüche an Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit und zeitgemäßer Ästhetik verbinden, sondern auch ein Angebot schaffen, das über das reine Produkt hinausgeht: Sie wollen Aufklärungsarbeit leisten und den Menschen dabei helfen, einen besseren Umgang mit dem Tod zu finden.

Hinter der Idee stecken Kristina Steinhauf und Katharina Scheidig. Die beiden Freundinnen haben Anfang Juli dieses Jahres die Social Innovators Challenge gewonnen. Gesucht waren Ideen, die innovative Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen bieten. Teilnehmen konnten Studierende und Mitarbeiter*innen der Universitäten Würzburg, Bamberg und Erlangen-Nürnberg. Wir wollten mehr über die Idee erfahren und herausfinden, wie die Zusammenarbeit der beiden Gründerinnen funktioniert und welche Sorgen und Hoffnungen sie aktuell teilen. Also haben wir sie interviewt:

Foto: urnfoldFoto: urnfoldstart.land.flow: Ihr habt mit eurer Idee der nachhaltigen und individualisierbaren Urnen die Social Innovators Challenge 2021 gewonnen. Wie geht die Gründung aktuell voran?

Katharina: Wir sind durch die Social Innovators Challenge in unserer Idee ein ganz gutes Stück nach vorne katapultiert worden, weil wir sehr viele Fragen dadurch beantworten mussten. Momentan sind wir noch bei anderen Wettbewerben dabei und haben den Zeitplan,  im Frühjahr 2022 ein fertiges Produkt auf den Markt zu bringen und damit zu gründen. Bis dahin gibt es schon noch einiges zu tun.

Aktuell sind wir am Abwägen, ob wir selber in die Produktion gehen oder gleich mit einem Hersteller zusammenarbeiten, der uns zumindest eine gewisse Vorarbeit leistet. Auch, wie wir den Markteinstieg gestalten wollen: Da sind noch viele Sachen offen.

Kristina: Und natürlich brauchen wir erstmal einen fertigen Prototyp. Gerade haben wir zwar Prototypen, aber die könnte man so noch nicht verkaufen, die sind noch nicht zu 100% ausgereift.

Katharina: Genau. Wir wissen, dass sie funktionieren werden, es sind eher ästhetische Feinheiten, wo wir z.B. auch noch über so Sachen nachdenken wie eine gewisse Haptik beim Tragen. Feinarbeit also.

start.land.flow:Und wie organisiert ihr euch? Wer von euch macht was?

Kristina: Also da Katharina Kommunikationsdesignerin/Fotografin ist, kümmert sie um die Entwicklung unserer Corporate Identity und Social Media. Ich habe eine handwerkliche Ausbildung als Geigenbauerin und alle bisherigen Urnen entworfen und gefaltet. Und sonst treffen wir uns einmal die Woche fix und reden über organisatorische Dinge wie „den kontaktieren, der zurückschreiben, Gründungsberatung hier, Recherche da“.

Katharina: Ganz praktisch organisieren wir uns über einen Apple-Kalender, der voll gut funktioniert, und du (Kristina) erinnerst mich ziemlich viel an Termine, die ich sonst nicht auf dem Schirm hätte. Also irgendwie teilt es sich ganz gut auf. Aber es wird sich glaube ich auch im Laufe des nächsten Jahres noch mehr konkretisieren, wie unsere Rollen sind. Im Großen und Ganzen sind unsere Fähigkeiten schon so veranlagt, dass wir uns da gut aufteilen können, uns nicht in die Quere kommen und uns unterstützen.

start.land.flow:Wie viel Zeit habt ihr für eure Gründung neben Studium und Arbeit?

Katharina: Wenn man es jetzt theoretisch runterbricht, dann kommen wir gerade auf zwei Tage die Woche. Das kommt bei mir aber ein bisschen auf meine Auftragslage an.

Kristina: Außerdem arbeitest du (Katharina) ja zusätzlich noch Teilzeit und ich studiere.  

start.land.flow:Sind die zwei Tage für euch ausreichend?

Katharina: Momentan schon, aber ich glaube es wird sich auch noch intensivieren und ich könnte mir auch vorstellen, dass da mal das ein oder andere Wochenende gearbeitet wird.

Kristina: Fairerweise muss man sagen, dass wir im Juni, im Vorlauf zu der Social Innovators Challenge, schon fast jedes Wochenende drauf verwendet haben, weil es super intensiv war. Mehr Zeit wäre natürlich immer gut, aber für den Moment ist es glaube ich ok.

Vom Bestatter bis hin zum Onlineshop - die Suche nach Vertriebskanälen

start.land.flow:Habt ihr euch schon Vertriebskanäle für eure Foto: urnfoldFoto: urnfoldProdukte überlegt und wenn ja, welche wären das?

Katharina: Von unserer Zielgruppe her gibt es zwei Szenarien, die realistisch erscheinen.

Einmal der bisher gängige Vertriebsweg über den Bestatter. Da möchten wir den Fokus auf Bestattungsinstitute legen, die wir selbst inhaltlich gut finden, wie z.B. das Berliner Bestattungsunternehmen „Lebensnah“, die dann auch neue und alternative Trauerrituale und Bestattungskulturen zu etablieren versuchen.

Der zweite wäre auf jeden Fall auch über Social Media und online, weil wir eben auch eine Zielgruppe abholen wollen, die eher in unserem Alter ist und vielleicht auch ein bisschen affiner für „Ich gucke erstmal online was ich für Möglichkeiten habe, bevor ich beim Bestatter irgendwie blind alles unterschreibe, was mir in einer Liste vorgelegt wird“.

Kristina: Der zweite Ansatz ist auch wichtig, weil es uns auch darum geht, Aktivismus zu betreiben. Also wir möchten aufklären rund um dieses ganze Thema, weil es so oft verdrängt wird und wenn man dann damit konfrontiert wird, erst total überfordert ist und gar nicht weiß, was man für Möglichkeiten hat. Also möchten wir auch Aufklärungsarbeit leisten.

start.land.flow: Ich kann mir auch vorstellen, dass viele in eurem bzw. unserem Alter da noch nicht so viele Berührungspunkte mit hatten. Wollt ihr genau in dieser Ziel- bzw. Altersgruppe aufklären?

Katharina: Ich glaube, es gibt auch in älteren Generationen viele Menschen, die noch gar nicht darüber nachgedacht haben, entweder absichtlich oder weil sie einfach noch nicht damit konfrontiert waren. Wir bekommen schon häufig die Antwort „Ah ok, da habe ich einfach noch nie drüber nachgedacht, ich wusste gar nicht, dass ich auch selbst eine Urne gestalten könnte“ oder „ich wusste gar nicht, dass ich eine gewisse Zeit habe, von dem Trauerfall oder Sterbefall bis hin zur Beerdigung“. Es gibt schon so eine kleine Bubble in den sozialen Medien, die sich mit den Themen „Tod“ und „Trauer“ beschäftigt, aber wir haben so das Gefühl, es ist noch nicht präsent genug, obwohl es ja eigentlich alle Menschen früher oder später betrifft, und dann auch sehr intensiv.

start.land.flow: Habt ihr euch schon überlegt, wie ihr eure Vertriebskanäle aufbauen werdet? Wie geht ihr so etwas an?

Katharina: Also momentan ist die Idee, im klassischen Sinne, eine Website zu haben, die dann auch eine Onlineshop-Funktion hat. Wir würden auch gerne Kooperationen mit Künstler*innen eingehen. Das alles dann auch eingekoppelt in unseren Instagram-Auftritt.

Eine Sache, die wir uns noch nicht genauer angeschaut haben, ist, ob und inwiefern wir bei großen Urnen-Onlinehändlern vertreten sein wollen.

Kristina: Das ist ein guter Punkt: Wir wollen einerseits nämlich keine Massenware sein, wir verstehen uns aber auch nicht als kleine Manufaktur, die zuhause sitzt und fünf Urnen im Monat faltet und verkauft. Wir wollen eigentlich schon einer bereiteren Masse einen Zugang zu schönen Urnen mit einem zeitgemäßen Design bieten.

start.land.flow: Auch preiswert?

Katharina: Genau, vor allem das Vereinen dieser Kriterien ist uns wichtig. Es gibt Produkte auf dem Markt, die preiswert sind, es gibt Produkte, die nachhaltig sind und es gibt hier und da mal Urnen in einem zeitgemäßen Design. Aber es gibt sehr selten Kombinationen aus diesen Dingen.

Kristina: Was aber auch spannend ist bei der Preisgestaltung: ganz am Anfang war unsere Idee: „ja, lass es uns aus Papier machen, denn so ist es sehr günstig in der Herstellung und im Materialwert, lass es uns so weitergeben an die Kunden“. Aber wir haben in vielen Gesprächen über die Preisgestaltung gemerkt, dass gesagt wurde: „macht es aber nicht zu billig, denn im Endeffekt will niemand seine Oma in einer 20€-Pappschachtel begraben“. Gleichzeitig wollen wir es nicht exklusiv gestalten. Insofern ist es ein bisschen schwierig, einen angemessenen Mittelwert zu finden. Wir wollen uns eigentlich im unteren Preissegment anordnen, aber so, dass es fair ist.

Man darf auch eine witzige Trauerfeier haben


Foto: urnfoldFoto: urnfoldstart.land.flow: Woher holt ihr euch Kraft, wenn es mal nicht so glatt läuft während des Gründungsprozesses?

Katharina: Wir lachen ziemlich viel (lacht).

Kristina: Ja! (lacht). Wenn es ganz schlimm wird, fahren wir ans Meer. Danach ist der Kopf wieder frei und dann geht’s wieder. Und sonst finden wir ganz viel, worüber wir lachen können, auch in schwierigen Situationen.

Katharina: Auch eine Erkenntnis: z.B. die Beerdigung meiner Oma war mega lustig. Meine Oma ist 94 geworden, hat sich von Sekt und Pralinen ernährt und wir haben dann an dieser Trauerfeier sehr viel Sekt getrunken und sehr gute Schokolade gegessen und irgendwie hat die ganze Familie die Erkenntnis gehabt: „Ok, man darf auch eine witzige Trauerfeier haben“. Natürlich ist es jetzt was anderes, wenn ein junger Mensch tragisch aus dem Leben scheidet, aber der Tod hat wie das Leben alle Facetten, es kann also auch sehr lustig sein.

Kristina: Das ist wahr.

start.land.flow: Was macht euch aktuell noch Sorgen?

Kristina: Wir haben, seitdem wir das jetzt angehen, eigentlich nur positives Feedback bekommen. Wir reiten die Welle jetzt, und ich persönlich warte einfach darauf, dass diese Wand kommt, gegen die wir dann prallen. Die Idee ist super, und alle finden sie gut, aber wenn sie dann umgesetzt ist, und niemand kauft die Urnen… Davor habe ich ein bisschen Angst ehrlich gesagt. Aber vielleicht klappt’s auch einfach.

Katharina: Bis wir es dann mal geschafft haben, das Produkt wirklich auf den Markt zu bringen, bleibt einfach diese Ungewissheit, ob das vielleicht nicht doch eine dumme Idee ist. Wir bereiten uns natürlich so intensiv wie möglich auf alles vor, aber diese Ungewissheit bleibt glaube ich bis wir die Urnen tatsächlich verkaufen.

start.land.flow: Und was gibt euch gerade Sicherheit?

Katharina: Ich glaube, wir haben beide ein gewisses Vertrauen ins Leben, dass es sich immer ausgeht. Wir haben natürlich gewisse finanzielle Investitionen, aber wir sind auch in keiner Branche, in der unser Produkt nur dadurch entstehen kann, dass man hunderttausend Euro investiert, sondern wir können auch erstmal klein starten. Wir haben beide trotzdem auch Berufe und andere Lebenskonzepte, die zur Not funktionieren.

Kristina: Wir sind auch grundsätzlich risikobereit, aber wir spekulieren jetzt nicht, sondern machen es sehr überlegt und auf eine Art und Weise, dass es sich ausgeht. Wir haben kein großes Risiko. Entweder funktioniert es dann halt, und wenn nicht, ist es super schade und traurig, aber wir haben dann auch nichts verloren, sondern im Endeffekt nur gewonnen, weil wir auch schon bis jetzt sehr viele Erfahrungen gemacht haben. Und ein gutes Netzwerk!

Katharina: Und wenn es sich gar nicht ausgeht, sind wir trotzdem noch so privilegiert, ein Zimmer zu Hause zu haben, wo wir mietfrei wohnen können.

Kristina: Das gilt es aber zu vermeiden (beide lachen).

start.land.flow: Worauf hofft ihr in Bezug auf eure Gründung?

Katharina: Ich hoffe, dass ich in dem Projekt etwas finde, das mich langfristig begeistert. Da wir beide schon lange an der Idee dran sind, stehen die Prognosen gut. Auch, dass ich dadurch mein Leben so einrichten kann, wie ich es gerne hätte, vor allem in der Hinsicht, dass ich ein eigenes Projekt habe, von dem ich leben kann und das auch zusammen machen kann mit jemandem, den ich sehr gerne mag.

Kristina: Dem habe ich nicht viel hinzuzufügen. Ich habe ziemlich viel ausprobiert beruflich, und würde ganz gerne mal irgendwo ankommen. Das Thema zieht sich durch mein Leben und es fühlt sich gut an. Das ist etwas, das nicht langweilig wird, denn man findet im Tod keine Antwort, bis es einen erwischt. Ich würde mir wünschen, dass wir Leute erreichen, auf eine Art und Weise, dass sie etwas für sich mitnehmen können und mit dem Tod einen besseren Umgang finden. Es ist etwas, was wir alle gemeinsam haben. Das würde ich einfach gerne Leuten mitgeben: dass es sich lohnt, sich damit auseinanderzusetzen.

start.land.flow: Vielen Dank für das Interview!

 

Mehr zu den Gewinnerinnen der Social Innovators Challenge findet ihr auf der Seite der Uni Würzburg oder auf dem Instagramkanal von urnfold. 

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